Der Vogtshof in Hachenburg

Anfänge im 14. Jahrhundert

Abtei Marienstatt im Jahr 1718

Die Anfänge des heute Vogtshof genannten Gebäudes reichen in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Bis heute konnte nicht geklärt werden, wo der erste bekannte Hachenburger Vogt Rorich der Kleine (Roricus advocatus parvus) gewohnt hat. Als er im Jahr 1211 erstmals erwähnt wird, war sein Elternhaus, die Burg der Edelfreien von Nister, bereits zerstört. Sie war im Jahr 1206 der Politik des Grafen Heinrich III. von Sayn (reg. 1202-1247) zum Opfer gefallen, der in der Nähe der aufstrebenden saynschen Gründungen Stadt Hachenburg und Abtei Marienstatt kein fremdes Machtzentrum dulden wollte.

Als Vogt Rorich im Jahr 1221 erneut in einer Schriftquelle auftaucht, hatte er seinem Rufnamen bereits den Zusatz de Hackenberg hinzugefügt.[Anm. 1] Spätestens zu diesem Zeitpunkt lebte der Vogt mit seiner Familie in der Stadt. Da sich die regierenden Grafen von Sayn in dieser Zeit selten in Hachenburg aufhielten, dürfte Rorich als Statthalter und Sachwalter seines Dienstherrn mit seiner Familie auf der Burg gelebt haben, deren Bau die Grafen um 1180 veranlasst hatten.

Wann genau der Vogtshof im 13. Jahrhundert errichtet wurde, ist unbekannt. Das Anwesen dürfte aber auf Veranlassung der gräflichen Familie angelegt worden sein. Schon damals scheint es aus mehreren Häusern und Wirtschaftsbauten bestanden zu haben.

Im Juni des Jahres 1293 hielt sich König Adolf von Nassau (1292-1298) mehrere Tage in Hachenburg auf. Der Herrscher und ein Teil seines Gefolges dürften in der Grafenburg gewohnt haben. Sie war demnach bereits so komfortabel und repräsentativ ausgebaut, dass der König standesgemäß wohnte und die Grafen von Sayn wenig später Hachenburg zu ihrer Hauptresidenz machen konnten. Für den Vogt mit seiner Familie dürfte kein Platz mehr auf der damals noch wesentlich kleineren Burg gewesen sein. Die Vogtfamilie musste in ein angemessenes Haus in der Stadt umsiedeln. Offensichtlich stellten die Grafen einen Teil des Vogtshofes als Erbbesitz zur Verfügung.

Um das Jahr 1300 bewohnte Hedwig gen. Vogtin (advocate), wohl die Witwe eines damaligen Hachenburger Vogtes, das Anwesen. Nachdem Hedwig gestorben war, erbte das Haus ihre Tochter Elisabeth, die Mitglied der kleinen, über lange Jahre in Hachenburg bestehenden Beginengemeinschaft war. Das "Ordenshaus" der Beginen befand sich damals vielleicht schon in der Perlengasse auf der Stelle, auf der später das Pfarrhaus der reformierten Kirchengemeinde errichtet wurde. Da Elisabeth wohl aufgrund des Zusammenlebens mit ihren Ordensschwestern nicht auf eine eigene Wohnstatt angewiesen war, überließ sie ihr Elternhaus am 22. März 1311 der Abtei Marienstatt. Mit der Schenkung wollte sie den Mönchen dafür danken, dass diese sie in ihre Gebetsbrüderschaft aufgenommen hatten.[Anm. 2] Die Abtei, die über umfangreichen Grundbesitz und mannigfaltige Rechte in Hachenburg verfügte, übereignete das Anwesen zu einem unbekannten Zeitpunkt der Bartholomäuskirche (Hachenburg-Altstadt).

Der Vogtshof im 14. und 15. Jahrhundert

Hachenburg. Obertor

Über 150 Jahre hört man nichts mehr vom Hachenburger Vogtshof. Erst in Verbindung mit den Herren von Mauden taucht er wieder in der Überlieferung auf.

Am 17. März 1461 bestätigte Johann von Mauden, Graf Gerhard II. von Sayn (1452-1493) habe ihn mit verschiedenen Lehen, darunter drei freie Hofstätten im Vaitzhove in Hachenburg ausgestattet.[Anm. 3]

Die Herren von Mauden wohnten ursprünglich außerhalb der Stadt. Am 28. Mai 1380 wird das Haus des Gylbrachtz [...] von Muden [...] obin vor der portzen erwähnt.[Anm. 4] Das Burgmannenhaus der Herren von Mauden lag demnach unmittelbar vor dem Obertor. Im Jahr 1461 zogen die Herren von Mauden offensichtlich in die Stadt um.

Wenn man ausschließt, dass es 1461 einen zweiten Vogtshof gegeben hat,[Anm. 5] lässt sich aus der Wortwahl der Urkunde "frei Hofstätten im Vogtshof" herauslesen, dass die Grafen über einen beachtlichen Teil des Gebäudekomplexes verfügen konnten, während sich ein nicht näher beschriebener Bereich im Besitz der Bartholomäuskirche befand.

Doch scheint der in Kirchenbesitz befindliche Teil bereits längere Zeit leer gestanden zu haben, denn im Jahr 1486 kaufte Graf Gerhard II. von Sayn die lange wüst gelegene hobstat in dem Vaight Hobe der Bartholomäuskirche für 18 Gulden ab.[Anm. 6]

Vielleicht war das Haus während des großen Stadtbrandes des Jahres 1484 unbewohnbar geworden. Damals ist Hachenburg [...] sambt der Capellen, jämmerlich bis auff sechß häußer abgebrannt.[Anm. 7] Es ist unbekannt, welche Häuser vom Feuer verschont blieben. Man darf annehmen, dass zumindest die aus Stein errichteten Häuser, wie etwa das steinen haus am Markt (heute Gasthaus zur Krone), den Flammen trotzten. Ob auch der Vogtshof widerstand oder beschädigt wurde, ist nicht überliefert. Als ältester Teil des Hofgutes hat nur das tonnenförmige Kellergewölbe die Zeiten überdauert. Ob darüber im 15. Jahrhundert Fachwerk, festes Mauerwerk oder ein massives Erdgeschoss mit einem Fachwerkaufbau gestanden hat, lässt sich heute nicht mehr sagen.[Anm. 8]

Neubau 1606

Graf Wilhelm III. von Sayn-Wittgenstein

Die Rundbogentonne des Gewölbekellers beginnt fast auf Bodenniveau und erreicht eine Scheitelhöhe von 3,4 Metern.

Über diesem alten Gewölbekeller errichtete man - das haben dendrochronologische Untersuchungen des alten Holzmaterials ergeben - im Jahr 1606 ein neues Haus. Anlass für den Neubau dürfte der Regierungsantritt des Grafen Wilhelm III. von Sayn-Wittgenstein (reg. 1605-1623) gewesen sein, der seine Residenzstadt zu modernisieren gedachte. Wie dieses neu errichtete Haus ausgesehen hat, lässt sich nach den vielen Veränderungen späterer Jahre heute nicht mehr sicher sagen. Auch die damalige Nutzung des Hauptbaus ist nicht mehr zu rekonstruieren, da das Erdgeschoss als Hauptwohnbereich in seinem ursprünglichen Bauzustand heute nicht mehr zu erkennen ist.

Vogtshof im Lesegarten

Im Obergeschoss lassen sich anhand noch erschließbarer Querwände drei Bereiche voneinander unterscheiden. Südlich der Mitteldiele scheint es zwei große, wohl nicht miteinander verbundene Kammern gegeben zu haben, die wohl als Gesindekammern oder Lagerräume gedient haben.

Die dichte Ständerreihung des äußeren Fachwerkes und die spärlichen Verzierungselemente sind typisch für die Fachwerkregion, die etwa nördlich der Lahn beginnt und bis in die Eifel, den Kölner Raum und das Siegerland reicht.

Instandsetzung nach 1654

Der Vogtshof scheint beim Stadtbrand des Jahres 1654 stark beschädigt worden zu sein. Im Zuge der Instandsetzung dürften die Geschosstreppen und Stuckbalkendecken entstanden sein. Die breitere Treppe in das erste Stockwerk ist wohl Zeichen dafür, dass man das Obergeschoss jetzt mehr zu nutzen, vielleicht sogar auszubauen gedachte. Aus dem 17. Jahrhundert stammen auch die Kellerräume mit den flachen Decken.

Anzunehmen ist, dass der Vogtshof als Verwaltungsgebäude der Grafen und Wohnort hochrangiger "Beamter" des Grafenhauses gedient hat. Nicht zu belegen ist, dass sich zu diesem Zeitpunkt noch die saynsche Vogtei im Haus befunden hat,[Anm. 9] die (erst zu dieser Zeit) dem Anwesen seinen Namen gegeben haben soll.

Zeitliche Ausbaustufen des Vogtshofes

Ausbauten des 18. Jahrhunderts

Im Jahr 1703 fügte man an der Westseite des Hauptbaus entlang der Mittelstraße einen 7,3 Meter langen und 5 Meter tiefen Seitenflügel an. Sein Obergeschoss enthält einen einzigen großen Raum von 7,2 Meter Länge und 4,5 Meter Breite.

Karl Breidenstein (1928) unter der ehemaligen Stuckdecke

Im Jahr 1706 wurde dieser Seitenbau in gleicher Breite und Höhe um zwei große Räume nach Westen bis zur Judengasse verlängert. Die Spannweiten der Decken in diesen drei großen Räumen werden nicht - wie zur damaligen Zeit üblich - von Unterzügen, sondern von schweren Überzügen getragen, die ihrerseits die Deckenkonstruktion mittels geschmiedeter Eisenklammern von oben halten. So konnten sich die Deckenspiegel von unten vollkommen glatt und ohne jeden Balken zeigen, zweifelsohne eine aufwendige aber umso repräsentativere Bauweise.

Etwas später erfolgte eine zwei Meter breite Erweiterung zur Hofseite hin, die - bei geringerer Traufhöhe - von einem an das Satteldach der älteren Teile angefügten Pultdach überdeckt wird.

Auch die immer wieder geäußerte Ansicht, in den drei großen Räumen des ersten Stockes entlang der Mittelstraße habe ein Offiziers-Casino bestanden, lässt sich anhand der Quellen weder bestätigen noch verneinen. Für die Annahme spricht die noch heute vorhandene wertvolle Ausstattung mit Sockelverkleidungen aus Eichenholz, Fensterumrandungen (Faschen) aus kannelierten, verzierten Eichenholzdielen mit Eckrosetten und die Verbindung der drei Räume durch zwei großflügelige Eichentüren, ebenfalls mit verzierten Holzfaschen und Eckrosetten versehen.

Von den einst mit Stuck verzierten Schmuck-Decken sieht man heute nur noch die abgerundeten Übergänge von den Wänden zur Decke. Zwischen den vier Fenstern entlang der Mittelstraße waren einst mannshohe Spiegel mit durch reiches Schnitzwerk verzierten Holzrahmen angebracht.[Anm. 10] Die Ornamentik des Schnitzwerkes weist auf den Empire-Stil (ca. 1800-1815) hin.

Für eine militärische Nutzung dieses Hausteils spricht vielleicht auch der Umstand, dass die Wohnhäuser entlang der Nordseite der Judengasse noch heute als "Kasernen" bezeichnet werden. Somit scheint diesem Stadtteil ein gewisser militärischer Charakter zugekommen zu sein. [Anm. 11].

Laubhüttenfest

Im Westen öffnete man die Decken großflächig bis zum Dach hin. Da damals mehrere Familien das umfängliche Anwesen bewohnten, wurden diese Dachluken dahingehend interpretiert, dass eine jüdische Familie, vielleicht sogar die jüdische Gemeinde Hachenburgs, in diesem Trakt das Laubhüttenfest feierte.[Anm. 12]

Eine Laubhütte (Sukka) wurde eigentlich im Garten errichtet. Sie hatte unter freiem Himmel zu stehen. Durch das Dach, das aus pflanzlichem Material bestand, mussten nachts die Sterne zu sehen sein. Da für eine solche Laubhütte in der Stadt kein Platz war, richtete man vermutlich im Vogtshof eine Laubhütte im Wohnhaus ein. Da das Laubhüttenfest nur einmal im Jahr gefeiert wurde und lediglich eine Woche dauerte, konnte man danach die Dächer wieder schließen und die Räume wie gewohnt nutzen. Ähnliche Lösungen sind etwa aus Schwabach, Fürth und Veitshöchheim bekannt. Warum sich in Hachenburg die Öffnung vom Erdgeschoss bis zum Dach hinzog, während es durchaus gereicht hätte, nur das Dach mit einem Öffnungsmechanismus zu versehen, müssen weitere Forschungen klären. [Anm. 13].

Erst Ende des 18. Jahrhunderts hört man wieder vom Vogtshof. Als man im Jahr 1791 ein erstes vollständiges Bürgerverzeichnis der Stadt Hachenburg anfertigte, wohnten die Familien des Hofverwalters Weißgerber, des Leutnants Meusbach, der Witwe des Majors von Meusbach und des Regierungsrats Wredow in dem Anwesen.[Anm. 14]

Nach dem "Ende" der Grafschaft Sayn-Hachenburg im Jahr 1799 ging das Haus in das Eigentum des Herzogtums Nassau über.

Nassauische Poststation 1834-1887

Gaststätte "Zum alten Haus"

Mit dem Tod der Posthalterin Elise Wehler am Abend des 14. September 1834 erlosch die Hachenburger Postexpedition, die lange Jahrzehnte in der Familie Wehler "vererbt" worden war. Die Poststelle befand sich in der Obergasse (Friedrichstraße) in dem Haus, in dem sich heute die Gaststätte "Zum Alten Haus" befindet.

Die nassauische Regierung verlegte 1834 die Poststation in einige Räume des Vogtshofes. Man richtete Pferdeställe sowie Remisen für die Postkutschen und Lastkarren ein. Wasser war dank eines vermuteten Hausbrunnens und des Brunnens vor dem benachbarten Schlachthaus (Färberstraße) wohl ausreichend vorhanden.[Anm. 15] Das gesamte Grundstück (ca. 1.300 qm) war von einer hohen Mauer umgeben. Neben der Post waren nach wie vor Wohnungen im Haus vorhanden. 1870 ist Georg Drucker als Bewohner des Hauses belegt. Das Postamt zog 1887 an den Neumarkt um.

Haus Zuckmeyer 1877-1976

Café Klein am Alten Markt

Im Jahr 1877 erwarb Henriette Sophie Louise Altbürger das Anwesen und verlegte ihr Einzelhandelsgeschäft hier hin. Man lebte die folgenden zehn Jahre mit der Post unter einem Dach.[Anm. 16]

Henriette hatte im Jahr 1849 ein kleines Kurzwaren-Geschäft am Alten Markt in dem Haus eröffnet, in dem sich heute das Café Klein befindet.[Anm. 17] 1854 heiratete sie Johann Philipp Zuckmeyer aus Wiesbaden-Mosbach, der nach Hachenburg zog.

Das Nassauische Postamt verließ den Vogtshof im Jahr 1887 und zog in sein neues Domizil am Neumarkt um.

Familie Görtz-Breidenstein 1914 vor dem Haus

Nachdem die Firmengründerin 1890 gestorben war, führten ihre Tochter Sofie Zuckmayer (1855-1931) und deren Ehemann Gustav Görz die Geschäfte der Firma, die jetzt "Zuckmeyer, Inh. Gustav Görz" hieß.

Die ehemaligen Stallungen der Post wurden fortan für die Landwirtschaft genutzt, die Gustav Görz als Nebenerwerb betrieb.[Anm. 18] Er hatte zudem eine Obstplantage in der Flur "Lochwiese" unterhalb des Bahnhofs angelegt und richtete einen Handel mit Sämereien ein.

Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Gesicht der Firma Zuckmeyer. Mehr und mehr wurde das Sortiment auf das eines reinen Textilhauses umgestellt.

In die Fußstapfen von Mutter Sofie trat deren Tochter Henriette (1878-1949). Das Unternehmen wurde nach seiner Gründerin weiterhin "H. Zuckmeier" genannt. Henriette Görz war seit ca. 1900 mit Wilhelm Breidenstein verheiratet, der als Lehrer in Korb arbeitete.

Als Wilhelm Breidenstein 1928 starb, half Sohn Karl bei der Leitung des Unternehmens, das jetzt als "Henriette Zuckmeyer, Inh. Wilhelm Breidenstein-Erben" firmierte.

Ende der 1920er Jahre kümmerte sich Wilhelm Görz, Sohn von Gustav, nach wie vor um den landwirtschaftlichen Betrieb und wohnte mit Familie auch im Vogtshof. Da die mit der Landwirtschaft verbundenden Gerüche dem Geschäft mit Textilien abträglich waren und man zudem auch Platz für die Erweiterung des Unternehmens benötigte, kaufte Karl Breidenstein Mitte der 1930-er Jahre für seinen Onkel ein Anwesen in der Koblenzer Straße, in das die Landwirtschaft der Familie umzog. Die Räumlichkeiten im Vogtshof konnten jetzt anderweitig genutzt werden.

Während der Luftangriffe in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges diente der uralte Gewölbekeller des Anwesens den Hausbewohnern und ihren Nachbarn als Luftschutzkeller. Nach dem Krieg fanden in dem weitläufigen Anwesen zahlreiche Flüchtlingsfamilien und Vertriebene Zuflucht und Unterkunft.

Der Vogtshof wurde mehrfach umgestaltet, um ihn den sich wandelnden Anforderungen anzupassen, die man an ein Wohn- und Geschäftshaus stellen musste. So wurde mehrfach das Fachwerk verändert, wurden Fenster vergrößert und umgesetzt, Zugänge verlegt sowie Wände und Decken erneuert. Ein größerer Umbau stand bei der Wiedereröffnung des Geschäftes nach dem Ende des 2. Weltkriegs an. Unter dem damaligen Geschäftsführer Herbert Klöckner wurden 1949 die steinernen Pfosten an der Hofeinfahrt entfernt, um eine bessere Sicht auf das Haus zu erreichen. Von ihnen ist - etwas versetzt - ein Pfosten in die Ecke des Haupthauses einfügt worden. Das Geschäftslokal erhielt einen neuen Eingang an der Ecke zur Mittelstraße. Der Einbau von runden Eingangsschaufenstern war damals hochmodern. 1963 wurden die Speicherräume zu einer Wohnung ausgebaut. 1965 errichtete man vor dem Haus zur Hofseite hin einen großen flachen Anbau. Auf größerer Verkaufsfläche mit einer ausladenden Schaufensterfront ließ sich das breite Sortiment an Gardinen, Heimtextilien, Teppichen, Betten und Bodenbelägen besser zeigen.

Der 1965 errichtete Anbau diente als Verkaufsraum
Schaufensterfront in der Perlengasse

Unter der Geschäftsleitung von K.W. und Ellen Breidenstein feierte die Fa. Zuckmeyer im Jahr 1974 ihr 125jähriges Bestehen.

1976 zog die Fa. Zuckmeyer aus dem Vogtshof aus und richtete ihr neues Domizil im Gebäude Ecke Johann-August-Ring/Steinweg ein.

Bücherei und Rathaus

Der Brunnen wurde erst 1980 wiederentdeckt
Gedenkstein für die jüdischen Mitbürger

Nach längeren Vorbereitungen erwarb die Stadt 1978 das Gebäude[Anm. 19] und ließ es unter Mitwirkung des Landesamtes für Denkmalpflege restaurieren. Es erfolgten umfangreiche Wiederherstellungsarbeiten an dem stattlichen Wohnhaus mit seinem massiven Erd- und verputzten Obergeschoss sowie dem steilen Satteldach. Umfangreiche Abbruchmaßnahmen, Erneuerung von Mauerwerks- und Gebäudeteilen sowie Putzarbeiten waren notwendig. Im Zuge der Arbeiten wurde der Brunnen vor dem Vogtshof wiederentdeckt, der Jahrhunderte überbaut und in Vergessenheit geraten war. In ansprechender Weise restauriert, flankiert er heute den Eingang der Stadtbücherei.

1982 zog die städtische Bücherei in das wiederhergestellte Haus ein. In den Jahren zwischen 1985 und 1998 dienten Teile des Anwesens als städtisches Rathaus. Im oberen Stockwerk waren weiterhin Wohnungen und im größten Saal ein kommunaler Sitzungsraum eingerichtet. Im Garten des Rathauses wurde am 3. November 1989 ein beim Steinmetz Herbert Mai gefertigter Stein zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus errichtet. Am 13. Februar 1991 stellte man das Gebäude als Einzelkulturdenkmal offiziell unter Schutz.

Mehrgenerationenhaus

Den Lesegarten gibt es seit 2007

Als das Rathaus 1998 in das Nachbarhaus in der Perlengasse umzog, wurde der Vogtshof umgebaut, die Bücherei erweitert und modernisiert. Die Arbeiten waren am 21. Juni 1999 abgeschlossen[Anm. 20]. Jetzt fanden die Schachfreunde und weitere Vereine Aufnahme im Gebäude, im Südflügel wurde 1997 ein Seniorentreff eingerichtet, in das Kellergeschoss konnte 2002 ein Jugendzentrum (Jugendraum) einziehen.[Anm. 21] Bis 2008 wurden Teile des Obergeschosses als Wohnraum genutzt.

Im Jahr 2007 wurde der Garten des Vogtshofes zu einem "Lesegarten" umgestaltet. Man erinnerte sich an den ehemaligen Hofgarten des Vogtshauses. In etwa dem Verlauf der früheren Hofmauer folgend entstand - etwas nach innen versetzt - eine neue Einfriedung, in deren Schutz man in Lauben und auf Bänken die Ruhe der Hennergassen genießen kann. Der Gartenbrunnen wurde von Bürgermeister Peter Klöckner auf einer seiner Reisen durch Deutschland entdeckt und nach Hachenburg mitgebracht. Der jüdische Gedenkstein von 1989 fand einen neuen Platz, um einige Meter versetzt. Er steht heute vor dem südlichen Eingang der Gartenanlage.

Sanitärbereich im Obergeschoss
Alte Dekoration und neue Farbgebung
Vortrags- und Sitzungssaal
Rest der ursprünglichen Farbgebung

Der "neue" Vogtshof

Nach längerer Planung begannen auf Initiative des Bürgermeisters Peter Klöckner im Sommer 2009 denkmalgerechte Restaurierungsarbeiten. Die rund 1,6 Millionen Euro sind zum großen Teil aus Mitteln des Konjunkturpaketes II des Landes Rheinland-Pfalz und des Bundes finanziert worden. Die Stadt selbst hat sich mit einem namhaften Betrag an den Sanierungskosten beteiligt. Zunächst untersuchte man alle Bauteile und noch vorhandenen Farbreste an den Wänden. Alte Hölzer wurden analysiert und mittels dendrochronologischer Messungen zeitlich zugeordnet.[Anm. 22] Aufgrund der gewonnenen Ergebnisse konnte die Baugeschichte der einzelnen Gebäudeteile ermittelt werden.

Schritt für Schritt wurden die oberen Stockwerke den alten Baubefunden wieder angenähert. Die denkmalpflegerische Konzeption der Sanierung sieht die drei verschiedenen Zeitebenen mit ihrer Wertigkeit gleichbedeutend nebeneinander erhalten und dokumentiert. Die Arbeiten im Treppenhaus und den Obergeschossen waren Ende des Jahres 2010 abgeschlossen.

Im ersten Stock stehen nun zwei repräsentative Fachwerk-Räume sowie drei Zimmer in klassizistischem Stil zur Verfügung. Sie sollen für Konzerte, Ausstellungen, Vorträge, Lesungen und Ähnliches genutzt werden.

Die Außenwände des nördlichen Baukörpers wurden in Anlehnung an die klassizistische Ausgestaltung der Räume verputzt. Bereits bei den Umbaumaßnahmen 1706 wurden die fachwerksichtigen Außenwände verputzt und mit freihand eingebrachten Putzbossagen eine Quaderimitation hergestellt. Ein besonders sehenswerter, mit Schnitzarbeiten versehener Zierbalken wurde holzsichtig belassen und in die Fassade integriert. Das hohe Dach wurde mit Naturschiefer an Altdeutscher Deckung erneuert. Innen bleiben die Räumlichkeiten aus Brandschutz- und statischen Gründen vorerst ungenutzt.

Im Hof an der Judengasse wurden eine breite Fluchttreppe und ein Außenaufzug installiert, der auch Rollstuhlfahrern einen einfachen Zugang zum Obergeschoss ermöglicht.

Die feierliche Einweihung des "neuen" Vogtshofes fand am 14. Mai 2011 statt.

Löwensaal mit Büste des "Stadtgründers" König Ludwig der Bayer

Anmerkungen

[Anm. 1] Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 1032 Nr. 6a.
[Anm. 2] Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 74 Nr. 190 - Rückvermerk (15.Jh.): De bonis in Hachenberg s(cilicet) de d(om)o Begine. - Regest: Struck, Wolf Heino (Bearb.): Das Cistercienserkloster Marienstatt im Mittelalter. Urkundenregesten, Güterverzeichnisse und Nekrolog. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau.18). Wiesbaden 1965, hier Nr. 246 vom 22.3.1311.
[Anm. 3] Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 340 Urkunden Nr. 11115 b. Vgl. Reisach, Linde S. 146. Die Belehnung von 1461 wird am 5. Mai 1477 erneuert (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 340 Urkunden Nr. 11642 a.
[Anm. 4] Struck, Cistercienserkloster Nr. 647.
[Anm. 5] Im Grundriss der Stadt Hachenburg im Mittelalter (Görich, Willi: Grundriss der Stadt Hachenburg im Mittelalter. In: Geschichtlicher Atlas von Hessen, Karte 35b. Marburg 1978.) ist der "alte Vogtshof" an der Stelle des heutigen Gasthauses "Zur Krone" am Alten Markt eingezeichnet.
[Anm. 6] Söhngen, W.: Geschichte der Stadt Hachenburg. Zugleich Festschrift zur Sechshundertjahrfeier der Stadt. 1. Teil Hachenburg. Wiesbaden [1914], hier S.26 und 232.
[Anm. 7] Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 360 Hachenburg Nr. 9 fol. 2; ebenda Abt. 360 Hachenburg Nr.10 pag. 46v; ebenda Abt. 1032 Nr. 6.
[Anm. 8] Vgl. Söhngen, Geschichte S.41 und 95; Backes, Markus: Stadt Hachenburg. (Rheinische Kunststätten.156). 2 Auflage 1980, hier S.10; Gensicke, Hellmut: Aus der Geschichte der Stadt Hachenburg. In: 650 Jahre Stadt Hachenburg 1314-1964. Festschrift zur Festwoche vom 8. bis 16.8.1964. (Hachenburg 1964), S. 5-85, hier S. 24.
[Anm. 9] Breidenstein, Karl Wilhelm: Aufstieg und Untergang des Hauses Zuckmeyer. [Selbstverlag. Hachenburg 2006], hier S. 7.
[Anm. 10] Einer dieser Spiegel befindet sich noch heute im Besitz von Ellen und K.W. Breidenstein.
[Anm. 11] Darauf verweist auch der heute zugemauerte Karzereingang in der Bruchsteinmauer des Hauses Aribert Sieker (Judengasse 7) im Bereich der Mittelstraße.
[Anm. 12] Reck, Hans-Hermann u.a.: Bauhistorisches Gutachten über das Wohnhaus Mittelstraße 2 in Hachenburg. Wiesbaden 2009, bes. S. 13-15.
[Anm. 13] Es ist keinesfalls sicher, dass sich wirklich die Decken aller Stockwerke öffnen ließen. Der ehemalige Bewohner des Anwesens K.W. Breidenstein berichtet, dass der Fußboden des letzten kleinen Saales im Obergeschoss zu seiner Jugendzeit aus den gleichen alten Holzdielen bestanden hat wie etwa der Flur davor und die anderen Säle.
[Anm. 14] Söhngen, Geschichte S. 214.
[Anm. 15] Zum damals "vergessenen" Brunnen vor dem Haus siehe unten.
[Anm. 16] Vgl. zur Geschichte der Firma ausführlich Breidenstein, Aufstieg.
[Anm. 17] Vgl. zum Folgenden Breidenstein, Aufstieg.
[Anm. 18] Gustav Görz (geb. 1925) war Lehrer in Hachenburg und als Organist in der evangelischen Kirche sowie über 50 Jahre als Chorleiter tätig.
[Anm. 19] Stadtarchiv Hachenburg Abt. B-06 Stadtratssitzungsprotokoll vom 8.2.1979.
[Anm. 20] Westerwälder Zeitung vom 20.4. und 21.06.1999.
[Anm. 21] Westerwälder Zeitung vom 26.6.1998 und 30.9.1998. Vgl. WWZ vom 1.9.1993.
[Anm. 22] Hans, Julia: Dokumentation über ergänzende Befunde zu historischen Farbfassungen im Zuge des Bauablaufes Mehrgenerationenhaus in Hachenburg. [Hachenburg] 2010.